Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs
Bundesverband

vlo.gif (2175 Byte)
Haus der Heimat: Steingasse 25, A – 1030 WIEN
Telefon: +43 1 718 59 05, 710 91 50 – Fax: +43 1 718 59 06
www.vloe.at
Sudetendeutsche Landsmannschaft Österreich Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen in Österreich
Donauschwäbische Arbeitsgemeinschaft DAG Landsmannschaft der Deutsch-Untersteirer in Österreich
Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen Österreichischer Heimatbund Beskidenland
Karpatendeutsche Landsmannschaft in Österreich Verband der Banater Schwaben Österreichs

PRESSEDIENST der ALTÖSTERREICHER (PAÖ)

Nr:2007/016 11.09.2007

Deutsche Literatur lebt in der alten Heimat wieder auf

P90900421.jpg (42510 Byte)Das 7. Volksgruppensymposium der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa fand vom 6. bis 9. September 2007 in Prag statt und widmete sich der modernen deutschen Minderheitenliteratur in Ostmittel- und Südosteuropa seit 1945. Veranstaltet wurde dieses Symposium vom Verband der volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs (VLÖ) und der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien.

Dass es heute in den Reihen der deutschen Minderheiten nach der großen Tragödie von 1945 überhaupt noch eine deutsche Literaturszene gibt, ist dem Engagement einiger weniger Heimatverbliebenen zu verdanken, die den Mut fanden, zur Feder zu greifen. So erwies sich das 7. Volksgruppensymposium der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa als eine interessante Suche nach den ersten Spuren der deutschen Literatur nach 1945. Dieses Jahr kündigte einen Neustart an und hatte auf einem sehr trockenen und kargen Boden eine deutsche Literatur wachsen lassen, die in Österreich bisher leider weitgehend unbekannt geblieben ist.

Die erste Generation der deutschen Autoren in der Tschechoslowakei und in Ungarn beschäftigte sich mit dem Schicksal der Vertreibung und suchte über die Literatur einen Weg, um mit den traumatischen Erlebnissen fertig zu werden. Da Deutsch als Sprache der Faschisten vielerorts verboten war, wurde nach Walter Piverka "für die Schublade" geschrieben: Es fehlten das Lesepublikum und die Verlage. Im Umfeld der ideologischen Gleichschaltung blieb die deutsche Literatur ein Stiefkind, das in der Öffentlichkeit ohne jede Beachtung blieb. Erst mit dem Prager Frühling von 1968 oder dank der Aktion Greift zur Feder von 1973 in Ungarn wurden mit der Anerkennung der deutschen Minderheit in Prag und im Soge des Tauwetters der "Weichen Diktatur" unter Janos Kadar Möglichkeiten geschaffen, zumindest deutsche Gedichte oder Kurzprosa in deutschen Minderheitenzeitschriften zu veröffentlichen. Die Deutschen in Ungarn oder in der Tschechoslowakei begannen sich zu organisieren und gründeten Kulturvereine, die freilich unter kommunistischen Vorzeichen nur systemkonforme Druckwerke und eine ideologisch angepasste Literatur hervorbringen konnten. Lediglich in Rumänien gelang es den Autoren, zwischen "den Zeilen" eine leise Kritik am System zu üben.

In Ungarn trat damals eine Reihe von deutschen Autoren an die Öffentlichkeit, die nach Nelu Ebinger-Bradean den Heimatverlust, den Verlust der deutschen Sprache, die kulturelle Wurzellosigkeit und die Suche nach der subjektiven Identität in den Mittelpunkt stellten. Wie stark diese Momente bei der ersten Autorengeneration in der Tschechoslowakei und in Ungarn dominierten, zeigten die Textproben aus Walter Piverkas autobiographischer Erzählung Deutsch zu sein oder Josef Škrábeks Essay Die gestrige Angst. Auch in Klara Burghardts Erzählung Mit dem Schulbus fährt auch das Leben aus dem Dorf bildet diese Polarität das vorherrschende Element. Die Nostalgie des donauschwäbischen Dorflebens zeigte sich bereits bei den älteren Autoren wie Ludwig Fischer oder Franz Siebertz.

Nach der Wende von 1989/90 änderte sich die Lage für die deutschen Minderheiten, indem man nunmehr selbstbewusster schrieb und die Öffentlichkeit ansprach. In den letzten 15 Jahren konnte sich im Umfeld junger Autoren eine rege literarische Szene etablieren, die neue Themen behandelt und nicht mehr ausschließlich den Themenbereich "Heimat – Heimatverlust - Sprachverlust – Identität" problematisiert. In Ungarn sind es Valeria Koch, Koloman Brenner, Christine Arnold, Angela Korb oder Josef Michaelis, die zweisprachig schreiben und die eigene Doppelidentität zu einem Thema machen. Bei der Buchmesse von 1999, bei der sich Ungarn der Weltöffentlichkeit vorstellte, wurden auch drei ungarndeutsche Autoren mit Lesungen präsentiert, was der ungarndeutschen Literatur zu einer verstärkten Verbreitung und, um es vorsichtig zu formulieren, zu neuer Popularität verhalf. Auch in Tschechien wuchs inzwischen eine neue Generation an deutschen Autoren heran, die das kulturelle Erbe der alten Heimat entdecken und wie der Egerländer Richard Sulko, der auch im Egerländer Dialekt schreibt, literarisch verarbeiten.

In Rumänien hat sich nach dem politischen Umbruch in Temeswar der deutsche Literaturkreis Stafette gebildet, der sich jungen Literaten als Forum anbietet. Die Autoren sind vielfach nach Annemarie Podlipny-Hehn rumänischer Herkunft, die deutsche Schulen besuchen und in deutscher Sprache schreiben.

Gänzlich anders entwickelte sich die Situation im ehemaligen Jugoslawien. Dort war die deutsche Intelligenz nach 1945 vertrieben worden und die im Land verbliebenen Deutschen radikal ihrer sprachlichen und kulturellen Identität beraubt. Erst nach dem Zerfall Jugoslawiens konnte sich eine deutsche Minderheitenliteratur in ersten Ansätzen entwickeln, wobei es sich bei den deutschen Ausgaben zumeist um Übersetzungen handelt. In Kroatien ist es Ludwig Bauer, der in seiner Erzählung Die kurze Chronik der Familie Weber das Schicksal einer donauschwäbischen Familie nachzeichnet. Leider existiert Bauers Erzählung nur in kroatischer und slowakischer Sprache. Wie die Referentin Renate Trischler ausführte, bemüht sich die Volksdeutsche Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien um eine deutsche Übersetzung. In Slowenien besteht eine deutsche Literatur ebenfalls nur in Übersetzungen, die vom Marburger Kulturverein deutschsprachiger Frauen "Brücken" in der Reihe Zwischenmenschliche Bindungen zweisprachig veröffentlicht wird. Veronika Haring stellte als Vorsitzendes mit Habjanic Hermann und Pungartnik Marjan zwei prominente Autoren vor. In Serbien gibt es nach Auskunft von Rudolf Weiss, dem Vorsitzendes des Deutschen Volksverbandes keine eigene deutsche Literaturszene mehr. Es bestehen aber zahlreiche deutsche Bibliotheken und in Subotica/Mariatheresiopel eine eigene Theatergruppe mit dem bezeichnenden Namen Junge Nibelungen, die sogar deutsche Klassiker pflegt und aufführt.

Ähnlich Restriktionen gegen das Deutschtum gab es auch in Polen, wo die deutsche Minderheit nach 1989/90 den Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften gründete und sich ein neues kulturelles Image aufbaute. Zum Symposium nach Prag war eine Autorin der älteren Generation gekommen. Ingeborg Odelga las aus ihrer Lyrik und reflektierte eindrucksvoll eine Themenpalette, die in der schlesischen Heimat ihre Wurzeln hat. In Schlesien wird jedes Jahr ein deutscher Literaturwettbewerb veranstaltet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es den kommunistisch-nationalistischen Machthabern nicht gelungen ist, die deutsche Kultur in den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas völlig aus der alten Heimat zu verdrängen. Selbstverständlich kann die gegenwärtige Situation nicht mehr mit der vor 1945 verglichen werden. Heute lässt sich aber beobachten, dass das deutsche Kulturerbe zunehmend von der nicht-deutschen Bevölkerung adaptiert wird und vor allem bei den jüngeren Generationen auf ein positives Echo stößt. So hat sich in Tschechien nach dem gesellschaftlichen Umbruch eine tschechische Initiative namens ANTIKOMPLX formiert, die sich literarisch mit dem sudetendeutschen Thema auseinandersetzt und das Sudetenland thematisiert. Die umfangreichen Aktivitäten dieser Organisation wurden beim Symposium von Ondrei Matéjka vorgestellt.

Für die deutsche Minderheitenliteratur wäre eine stärke mediale Wahrnehmung und eine breitere wissenschaftliche Rezension in Deutschland und Österreich wünschenswert, damit die Autoren eine entsprechende Resonanz finden und deren deutsches Schrifttum als autochthoner Teil der deutschen Literatur gewürdigt wird.

Das Symposium wurde im Auftrag von der Stiftung der deutschsprachigen Heimatvertriebenen aus dem Sudeten-, Karpaten und Donauraum durchgeführt und von der Kärntner Landesregierung unterstützt.

Mag.Dr. Peter Wassertheurer

Rückfragehinweis: Mag. Dr. Peter Wassertheurer
Leiter der Öffentlichkeitsarbeit

Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs
Haus der Heimat
Steingasse 25
1030 Wien
Tel.: 01/718 59 05 DW 30
Fax: 01/718 59 05-20
peter.wassertheurer@vloe.at


Zurück