Rede Dipl.-Ing. Rudolf REIMANN

Bundesvorsitzender des VLÖ

Sehr geehrter Herr Präsident des Nationalrates, lieber Freund, sehr geehrte parlamentarische Sprecher der Vertriebenen, sehr geehrte Abgeordnete, die heute hier sind, meine lieben Landsleute.

Heute werden in einer Präsentation Reisen von Parlamentariern vorgestellt, die eine ganz erfolgreiche Aktion des Parlaments war. Es haben daran alle Fraktionen teilgenommen, was für die in unserer alten Heimat verbliebenen Landsleute ein wichtiges Zeichen war. Da möchte ich insbesondere Herrn Abg. Norbert Kapeller mein herzliches Dankeschön sagen, der hier sehr initiativ war und mit wirklich großer Akribie das ganze vorbereitet hat. Ich möchte aber auch unseren Herrn Wassertheurer, der in vieler Kleinarbeit zum Gelingen beigetragen hat, ein herzliches Dankeschön aussprechen. Es war nicht ganz selbstverständlich, dass die Vertriebenenverbände in diese Reisen eingebunden waren, denn schließlich war es das erste Mal, dass man sich mit Betroffenen zusammengesetzt hat und mit ihnen gemeinsam diese Aktion durchführte.

Gestatten Sie mir, vor der Präsentation einen ganz kurzen geschichtlichen Rückblick in die große Donaumonarchie zu machen und daran zu erinnern, wie viele Völker unter der Führung Österreichs und Wiens hier zusammen gelebt, zusammen gearbeitet haben, und welche Leistungen diese Menschen für Österreich, und nicht nur für Österreich sondern auch für die Welt, erbracht haben: und es war ein harmonisches Zusammenleben! Das schreckliche Ende des Ersten Weltkriegs hat diese Monarchie zerschlagen, die ja damals schon eine Art "Vereintes Europa" war. Heute bemühen wir uns, das wieder mühselig zustande zu bringen, was nach 1918 in Mittel- und Südosteuropa zerstört wurde. Die Deutschen sind dort als Minderheiten verblieben, und der Druck, den die "Führungsvölker" in den neuen Staaten auf die deutschen Volksgruppen ausübten, war sehr stark. Der Zweite Weltkrieg brachte dann die große Katastrophe über diese Menschen. Sie mussten unter Androhung von Gewalt ihre Heimat verlassen, wurden in Konzentrationslager gesperrt oder zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert. Die Familien wurden zerstört, die Kinder von den Müttern weggerissen: Es war eine Katastrophe. Und viele von diesen Menschen sind natürlich nach Österreich gekommen, sind nach Deutschland gezogen, sind in die ganze Welt zerstreut worden.

Wir haben sehr große Männer und Frauen hervorgebracht, deren Lebensgrundlagen in der alten Heimat zerstört wurden, weil man sie dort einfach nicht mehr haben wollte. Ich darf nur im Überblick auf Persönlichkeiten aus dem böhmisch-mährischen Raum hinweisen und an unseren ehemaligen Staatspräsident Karl Renner oder an Kardinal Innitzer erinnern, der jedem heute noch ein Begriff ist. Oder wer kennt nicht Ferdinand Porsche, Siegmund Freud oder Kurt Gödel, dessen Leistungen jetzt überall beachtet werden? Aus dem donauschwäbischen Raum hat jeder von Nikolaus Lenau gehört, von Ignaz Semmelweis, der hier das Kindbettfieber bekämpft hat. Ebenso von Adam Müller-Guttenbrunn, der in Wien die Volkshochschulen gegründet hat, die Volksoper und vieles andere mehr. Wenn wir den Blick in die Gegenwart richten, ist Franz Madl zu nennen, seines Zeichens Staatspräsident in Ungarn nach der Wende: auch er ein Donauschwabe! Denken wir an Robert Hammerstiel, der vor kurzer Zeit ganz groß im Wiener Leopold-Museum präsentiert wurde und heute als Maler und Künstler in der ganzen Welt bekannt ist. Wenn wir nach Siebenbürgen schauen, erinnern wir uns an Samuel Bruckenthal, der damals schon als Berater Maria Theresias arbeitete, oder an Hermann Obert, der der Erfinder der Raketentechnik, der Raumfahrttechnik war. In der Gegenwart denken wir an den Bürgermeister Klaus Johannis, den ich hier als Beispiel nennen möchte. Es gibt heute noch viele Ortschaften, die in Siebenbürgen deutsche Bürgermeister haben. Unter Bürgermeister Johannis wird Hermannstadt im nächsten Jahr europäische Kulturhauptstadt sein. Denken wir weiters an andere große Menschen wie Paul Seeler, Rose Ausländer, Hermann Bach, Hugo Wolf oder Max Mell. Und wer hat noch kein Auto, kein Motorrad von Puch gefahren? Puch stammte aus dem Gebiet der Untersteiermark, dem heutigen Slowenien. Denken wir abschließend auch an Karl Josef Bayer aus Bielitz (Österreich-Schlesien), der die industrielle Verarbeitung des Aluminiums entdeckt und entwickelt hat. Es waren große Männer und Frauen, auf die man in den heutigen Ländern der Monarchie nach 1945 einfach verzichtet hat. Man hat ja gesehen, wo das alles hingeführte.

Alle diese großartigen Persönlichkeiten haben für Österreich sehr viel getan und Österreich hat daher eine Verantwortung für diese Menschen: vor allem auch eine Verantwortung für jene Menschen, die heute noch "unten" leben. Die Republik Österreich hat diese Verantwortung auch getragen: Denken wir an die Regierungserklärung von 1999. Ich darf sie ganz kurz in einigen Sätzen zitieren, weil sie für uns sehr wichtig ist:"Die Bundesregierung wird um sachgerechte Lösungen in den Fragen aller im Zuge des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit gezwungenen Personen, der österreichischen Kriegsgefangenen sowie der in der Folge der Beneš-Dekrete und Avnoj-Bestimmungen nach Österreich vertriebenen, deutschsprachige Bevölkerung bemüht sein." An einer zweiten Stelle heißt es: "Die Bundesregierung wird die Anliegen und Interessen der altösterreichischen Minderheiten im Ausland fördern." Herr Präsident, meine Damen und Herren, das ist nicht nur schwarz auf weiß geschrieben, es ist nicht nur ein Lippenbekenntnis. Gerade die parlamentarischen Reisen haben es bewiesen, dass vieles auch in die Tat umgesetzt wurde. Wenn wir etwa daran denken, dass die österreichische Verfassung diskutiert wird, so darf ich daran erinnern, dass man uns Heimatvertriebene eingeladen hat, unsere Meinung zur neuen österreichischen Verfassung kund zu tun. Im österreichischen Parlament haben wir klar und deutlich gesagt: "Es sollte in der Verfassung verankert sein, dass Österreich eine Verantwortung für die deutschsprachigen Minderheiten hat, die heute noch im Raume der ehemaligen Donaumonarchie leben." Österreich muss hier eine Art "Schutzmachtfunktion" ausüben. Vor wenigen Wochen ist dieses Thema wieder in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Es sieht so aus, dass die neue Formulierung "wechselseitige Schutzmachtfunktion für die Minderheiten" dieses Ziel vielleicht erreichen wird. Erst Ansätze gibt es bereits. Als die Parlamentarier die deutsche Minderheiten in Slowenien in der Gottschee und in Marburg besucht hatten, kam bereits einen Tag später der slowenische Staatspräsident persönlich zur deutschen Minderheit in der Gottschee und nach Marburg. Ich glaube, lieber Freund Kapeller, dass das ein sehr, sehr großer Erfolg war. Und als solches wollen wir das auch sehen. Ich hoffe, es ist hier ein Meilenstein gesetzt worden, ein Meilenstein für die Zukunft. Ich bitte Sie, Herr Präsident Khol und die Damen und Herren Abgeordneten, zu helfen, dass auch diese Minderheit eine Anerkennung findet. Sie können das von hier aus bewirken. Abschließend habe ich noch eine Bitte an die österreichischen Medien: Helfen auch Sie mit, dass wir diesen Menschen die Erwartungen, die sie jetzt in uns gesetzt haben, erfüllen können. Ich danke Ihnen, Herr Präsident, und allen Abgeordneten recht herzlich.