Interview mit Frau Veronika Haring, Vorsitzende des "Kulturvereins deutschsprachiger Frauen Brücken", zur Lage der deutschen Minderheit in Slowenien

haring.jpg (9642 Byte)Der VLÖ führte mit der Vertretung der deutschen Minderheiten in SLowenien ein Interview um auf die Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen, die heute noch im EU-Land Slowenien gegen ethnische Gruppen vorherrschen, aufzuzeigen. Das Interwiew führte Mag. Peter Wassertheurer im Juni 2006 in Marburg:

Wassertheurer: Können Sie uns einmal ganz kurz die Aufgaben Ihres Vereines vorstellen und wann er gegründet wurde?

Haring: Unser Verein wurde im Jahre 2000 gegründet, und unsere Aufgabe ist es, die deutsche Sprache zu erhalten, zu lernen und weiterzugeben. Dazu zählt natürlich auch die deutsche Kultur, die noch vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hier gelebt wurde.

Wassertheurer: Das heißt sie sind weniger ein politischer Verein als vielmehr ein kultureller Verein?

Haring: Wir sind kein politischer Verein, wir sind ausschließlich Kulturverein. Ich muss Ihnen gestehen, dass sich alle unsere Mitglieder politisch nicht engagieren. Wir haben dazu auch keine Gelegenheit. Wir als Deutsche sind ja nirgends erwünscht, weder als Partei noch als Anhänger einer Partei.

Wassertheurer: Der Sitz des Vereins ist in Marburg. Wie viele Deutsche glauben Sie, gibt es im Marburger Raum noch?

Haring: Nach amtlichen Angaben gibt es nicht viele. Ich weiß aber aus Erfahrung, schließlich war ich im Buchhandel beschäftigt, dass in Marburg noch sehr viele Deutsche leben. Es sind nach meiner Schätzung sicher 2.000, die deutsche Wurzeln haben. Nur haben sie Angst, sich dazu zu bekennen. Auch bei uns im Verein kommen viele zu den Veranstaltungen und sagen: "Mein Gott, wenn dass meine Mutter oder Tante erleben könnte, dass die deutsche Sprache wieder von einer Bühne zu hören ist!" Aber beitreten oder sich als Deutsche zu äußern, dass trauen sie sich noch immer nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Marburg die Vertreibung der Deutschen, viele wurden ermordet. Später erfolgte dann auch eine Zwangsassimilation, wobei die deutsche Sprache verboten war. Diese Sachen haben ihr Werk getan, leider ist es so.

Wassertheurer: Und wie viele Deutsche leben heute noch auf dem gesamten slowenischen Staatsgebiet?

Haring: Bei der Volkszählung war es nicht Pflicht, die Nationalität anzugeben, weshalb es viele auch nicht gemacht haben. Nach amtlichen Angaben sind es zwischen 2.000 und 2.500. Wir schätzen, dass es ungefähr 3.600 sind, die sich innerlich bekennen. Wir sind damit ähnlich viele wie die Italiener in Slowenien.

Wassertheurer: Wir sind hier in den neuen Klubräumlichkeiten. Spüren Sie eine Reaktion von der Bevölkerung, gibt es Ablehnung oder gibt es Zustimmung?

Haring: Es gibt beides. Natürlich sind die, die uns öffentlich ablehnen, in der Minderheit. Sie machen das in den Zeitungen, aber direkt angegriffen werden wir nicht.

Wassertheurer: Welche Ressentiments, welche Vorurteile gegen Deutsche gibt es heute noch in Slowenien?

Haring: Ja, dass kommt noch von unserem Schulsystem. Als ich noch zur Schule ging, habe ich im Unterricht die Deutschen nur als Volk erlebt, das die armen Slowenen unterjocht hat, wobei die Slowenen sozusagen versklavt wurden, für die Deutschen arbeiten mussten, und alles in deutscher Hand war. Und die armen Slowenen waren nur Arbeiter und bekamen das zu spüren. Während der ganzen Schulzeit haben wir das gelernt, und erst später mit 15 Jahren habe ich erfahren, dass ich deutscher Abstammung bin. Erst als ich ein bisschen Deutsch erlernt hatte und auf Deutsch lesen konnte, habe ich die richtige Geschichte kennen gelernt.

Wassertheurer: Die Italiener und die Ungarn sind ja in der Verfassung als Minderheit anerkannt. Ist das für die deutsche Volksgruppe auch so?

Haring: Nein, wir sind die einzige deutsche Minderheitsgruppe in Südosteuropa, die nicht anerkannt ist.

Wassertheurer: Was bedeutet die Nichtanerkennung für den Verein?

Haring: Für Slowenien bedeutet das, dass es uns nicht gibt. Wir sind nicht da, und wenn wir etwas sagen, dann sagen sie: "Ihr lebt nicht in einem geschlossenen Gebiet, ihr lebt verstreut in Slowenien." Aber wie ich schon sagte, das ist eine Folge davon, dass die Deutschen nach 1945 ermordet, vertrieben und assimiliert wurden. Es ist ein wirklicher Zynismus, wenn die Slowenen jetzt sagen, dass es uns nicht gibt oder uns vorwerfen, dass wir in Slowenien verstreut leben.

Wassertheurer: Heißt das, dass sie vom slowenischen Staat keine Förderungen erhalten?

Haring: Ja, wir bekommen überhaupt nichts.

Wassertheurer: Also sie sind eine nicht anerkannte Minderheit?

Haring: Ja!

Wassertheurer: Nach dem Besuch der österreichischen Parlamentarierdelegation im Frühjahr kam der slowenische Staatspräsident Janez Drnovšek zu Ihnen. Was war die Ursache dieses Besuchs und was hat er gesagt?

Haring: Das war das erste Mal, dass ein slowenischer Staatspräsident die deutsche Minderheit besucht hat. Er hat gesagt, dass wir ein Recht haben, die Anerkennung zu bekommen, und dass er unsere Bitten an die Regierung weiter leiten wird. Er wird nach eigenen Worten versuchen, für uns etwas zu tun und uns zu vertreten.

Wassertheurer: Ist bisher irgendetwas geschehen?

Haring: Nein, gar nichts.

Wassertheurer: Die Mitglieder der österreichischen Besuchsdelegation vom Frühjahr 2006 hat sie ins österreichische Parlament eingeladen. Da ist auch gesagt worden, dass man die deutschen Minderheiten verstärkt fördern möchte, weil Österreich eine historische Verantwortung hat. Was erwarten Sie sich von Österreich?

Haring: Zur Zeit, und das muss ich leider sagen, eigentlich nicht allzu viel. Vor fünf Jahren wurde ein Kulturabkommen mit Slowenien ausgehandelt und unterschrieben, von dem wir aber gar nichts haben. Von Slowenien überhaupt nichts, von Österreich haben wir jetzt zweimal eine kleinere Unterstützung für unsere Kindergruppen für den Deutschunterricht bekommen. Aber sonst haben wir keine rechtliche und keine finanzielle Unterstützung.

Wassertheurer: Würden Sie sich erwarten, dass sich die Österreichische Republik auch einsetzt, dass sie endlich als autochthone Gruppe anerkannt werden?

Haring: Ja, wir haben sehr viel Hoffnung daran, aber die österreichische Seite hat dazu hier bei uns in Slowenien sehr wenig Gehör gefunden. Aber ich hoffe doch, dass es Österreich einmal gelingt, in dieser Sache irgendwie ein bisschen vorwärts zu kommen.

Wassertheurer: Glauben Sie, dass die slowenische Regierung eben versucht, die Kärntner Ortstafelfrage und die Situation der slowenischen Minderheit in Kärnten mit der deutschen Minderheit in Slowenien zu junktimieren?

Haring: Slowenien anerkennt uns überhaupt nicht, und ich glaube auch nicht, dass Laibach beide Themen miteinander verbindet, weil diese zwei Fragen für Slowenien unterschiedlich bewertet werden. Die eine ist für Slowenien sehr wichtig, die andere aber überhaupt nicht.

Wassertheurer: Wie sieht es jetzt eigentlich mit der Restitution der enteigneten Deutschen aus? Ich habe auch gehört, dass die katholische Kirche etwas zurückbekommen hat.

Haring: Wissen Sie, es gab keinen großen Unterschied zwischen der Kirche und der deutschen Minderheiten. Es schleppt sich alles sehr langsam dahin, jetzt schon über 14 Jahre. Und auch die Kirche hat nicht alles zurückbekommen. Ich glaube, es wird noch lange dauern, weil bei uns in Slowenien möchten viele nicht, dass jemand etwas zurückbekommt. Man hofft eher, dass manche aufgeben, weil es zu lange dauert.

Wassertheurer: Kennen Sie einen Fall aus der deutschen Minderheit in Slowenien, der auf Grundlage der Avnoj-Bestimmungen enteignet worden war und sein Vermögen restituiert erhielt?

Haring: Ich muss Ihnen dazu sagen, dass wir uns als Kulturverein damit nicht beschäftigen, weil das eine politische Sache ist. Wir möchten und wünschen uns aber, dass jeder das zurückbekommt, was er verloren hat.

Wassertheurer: Sie haben ja auch Kontakte zu den österreichischen Bundesländern. Wer hilft Ihnen da am meisten bei Ihrer kulturellen Arbeit?

Haring: Am meisten hilft uns die Kärntner Landesregierung. Dann natürlich auch die Steiermark, wobei sich dort nach dem Regierungswechsel nichts mehr getan hat. Wir haben zwar unsere Bitte an Herrn Landeshauptmann Voves geschickt, haben aber noch keine Antwort oder Zusage bekommen. Wir hoffen jedoch, dass er uns nicht vergessen wird, den Kontakt zu uns aufnimmt und uns hilft. Die frühere Landesregierung hat uns wirklich geholfen.

Wassertheurer: Für die Instandhaltung dieses Vereinslokals brauchen Sie ja Geld. Wer finanziert momentan eigentlich Ihre Arbeit?

Haring: Momentan haben wir nur einen Zuschuss von der Kärntner Landesregierung bekommen. Wie ich schon sagte, von der Landesregierung Steiermark noch keinen, und deshalb weiß ich nicht, wie ich am Ende des Jahres oder in der zweiten Jahreshälfte das Büro erhalten kann. Immerhin haben wir laufend fixe Kosten wie Strom, Post, Zeitungen, Internet und Telefon zu tragen, und ich weiß nicht, wie ich das ab dem Sommer bezahlen soll.

Wassertheurer: Wann sind Ihre Reserven aufgebraucht?

Haring: Bis zum August.

Wassertheurer: Und vom Slowenischen Staat bekommen Sie nichts?

Haring: Nein, wir haben für dieses Jahr nur eine Förderung in Höhe von 2.500.- Euro für unser Jahrbuch zugesagt bekommen. Eine Basisförderung gibt es für uns als Minderheit nicht.

Wassertheurer: Ich habe einmal errechnet, dass die slowenische Minderheit in Kärnten, die 12.000 Personen umfasst, ungefähr 7 Millionen Euro an öffentlichen Förderungen erhält. Was sagen Sie dazu?

Haring: Ja, wir haben ausgerechnet, dass jeder Kärntner Slowene 125 Euro pro Kopf bekommt, und wir bekommen gar nichts. Ich darf nicht daran denken, ich werde wütend und bin enttäuscht. Wir arbeiten ja hier, wir zahlen unsere Steuern, wir sind loyale Bürger und bekommen vom Staat gar nichts.

Wassertheurer: Die deutsche Minderheit müsste also als autochtone Gruppe anerkannt werden und käme erst dann in den Genuss von staatlichen Förderungen?

Haring: Genau, dann bekommen wir rechtliche und finanzielle Unterstützung.

Wassertheurer: Und von wem erwarten Sie sich aus Österreich eine Hilfe? Aus dem Außenministerium, von der Bundesregierung oder von den Abgeordneten im Parlament?

Haring: In erster Linie von der österreichischen Bundesregierung.

Wassertheurer: Wie ist das Verhältnis zur Marburger Stadtregierung?

Haring: Seit einem Jahr haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Der Herr Bürgermeister war bei der Eröffnung der Kulturräumlichkeiten bei uns zu Gast und auch später gab es immer wieder Kontakte. Er stellt uns z.B. jedes Jahr für die Vorstellung unseres Jahrbuchs den Trauungssaal im Rathaus kostenlos zur Verfügung, ein wunderschöner Saal in dem alten Rathaus dort, das können wir umsonst genießen. Wir haben mit der Stadtverwaltung keine Schwierigkeiten.

Wassertheurer: Wie schaut es mit der Jugendarbeit aus?

Haring: Wir arbeiten eng mit dem Sprachinstitut Lindic zusammen, das Kinder auf Deutsch unterrichtet, die in der Schule Deutsch als Wahlfach nehmen. Es kommen aber auch einige Kinder direkt zu uns in den Verein. Wir können sie dann hier beschäftigen, binden in unsere Veranstaltungen ein und lassen sie dort auch auftreten.

Wassertheurer: Haben Sie einen eigenen Jugendverband?

Haring: Nein, das haben wir leider nicht.

Wassertheurer: Es ist ja vor kurzem ein Dachverband gegründet worden. Wem gehört der an?

Haring: Zuerst natürlich wir als Verein und dann der Gottscheer Altsiedlerverein in Krapflern.

Wassertheurer: Wo sind eigentlich die deutschen Zentren heute noch in Slowenien?

Haring: Es gibt neben Marburg und der Gottschee noch das Abstall. Dort haben die Deutschen ein wunderschönes Heim und auch viele Besucher, aber sie wollen leider nicht dem Dachverband beitreten.

Wassertheurer: Also Marburg, die Gottschee und das Abstall, sind das die drei geographischen Punkte.

Haring: Ja, diese drei Punkte.

Wassertheurer: Wenn Sie drei Wünsche für Ihre Kulturarbeit frei hätten, welchen würden Sie zuerst nennen?

Haring: Natürlich die Anerkennung der deutschen Minderheiten als autochthone Volksgruppe in der slowenischen Verfassung, wie es für die ungarische und italienische der Fall ist.

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